Warum wir in einer Welt voller Informationen vor allem Orientierung brauchen
«Wer nach aussen schaut, träumt. Wer nach innen schaut, erwacht.»
Carl Gustav Jung
Es gibt Begegnungen, die einen länger begleiten, als man im ersten Moment ahnt. Man verabschiedet sich, fährt nach Hause und merkt erst später, dass das Gespräch innerlich weitergeht. Manche Gedanken entfalten ihre eigentliche Wirkung erst mit etwas Abstand. Sie tauchen immer wieder auf und verbinden sich mit neuen Erfahrungen.
Genauso ist es mir in den vergangenen Monaten immer wieder ergangen.
Ich hatte das Privileg, mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Lebenswegen. Jedes Gespräch war auf seine Weise bereichernd. Es wurde über wirtschaftliche Entwicklungen gesprochen, über künstliche Intelligenz, über Veränderungen in der Arbeitswelt, über persönliche Entscheidungen und über die Frage, wie wir mit einer Zukunft umgehen, die immer schwieriger vorherzusehen ist. Rückblickend fällt mir auf, dass sich trotz aller Unterschiede ein Gedanke wie ein roter Faden durch viele dieser Begegnungen zog.
Viele Menschen sehnen sich nach Orientierung.
Diese Sehnsucht wurde selten direkt ausgesprochen. Sie zeigte sich in kleinen Bemerkungen, in nachdenklichen Pausen oder in Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Ein Unternehmer erzählte mir, wie schwierig es geworden ist, langfristige Entscheidungen zu treffen. Eine Führungskraft sprach darüber, wie sehr der ständige Wandel die Menschen beschäftigt. Besonders berührt hat mich ein Bewerber, der nach mehreren Absagen sagte: «Irgendwann habe ich aufgehört, an meinen Bewerbungen zu zweifeln. Ich begann, an mir selbst zu zweifeln.»
Dieser Satz begleitet mich bis heute. Je öfter ich an ihn dachte, desto deutlicher wurde mir, dass er weit mehr beschreibt als eine persönliche Erfahrung. Er bringt ein Gefühl auf den Punkt, das mir seither in vielen Gesprächen wieder begegnet ist. Wenn Vertrautes an Stabilität verliert und Gewissheiten brüchig werden, beginnt oft auch das Vertrauen in die eigene Richtung zu schwanken.
Vielleicht erklärt das, weshalb viele Menschen die gegenwärtige Zeit als besonders herausfordernd erleben. Wirtschaftliche Unsicherheiten, geopolitische Spannungen, technologische Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen begegnen uns heute gleichzeitig. Kaum haben wir begonnen, eine Entwicklung einzuordnen, verlangt die nächste bereits unsere Aufmerksamkeit. Informationen erreichen uns in einer Geschwindigkeit, die kaum Raum lässt, das Erlebte wirklich zu verarbeiten.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr beschäftigt mich eine andere Frage. Beschreiben wir unsere Zeit überhaupt richtig? Häufig sprechen wir von einer Wirtschafts-, Technologie- oder Klimakrise. Jede dieser Herausforderungen ist real und verlangt nach Antworten. Gleichzeitig entsteht bei mir immer stärker der Eindruck, dass hinter all diesen Entwicklungen ein gemeinsames Thema liegt.
Es geht um Orientierung.
Noch nie in der Geschichte war Wissen so leicht zugänglich wie heute. Innerhalb weniger Sekunden finden wir Antworten auf nahezu jede Sachfrage. Trotzdem fällt es vielen Menschen schwerer denn je, Entscheidungen mit innerer Sicherheit zu treffen. Informationen allein schaffen keine Orientierung. Sie helfen uns, Zusammenhänge zu verstehen. Orientierung wächst erst dann, wenn wir das, was wir wissen, mit unseren Erfahrungen verbinden und daraus Vertrauen für den nächsten Schritt entwickeln.
Genau darin sehe ich eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit. Nicht die Menge an Wissen überfordert uns, sondern die ständige Notwendigkeit, Veränderungen einzuordnen und ihnen einen Platz im eigenen Leben zu geben. Dieser Prozess kostet Kraft. Er fordert uns fachlich und menschlich.
Die Psychologie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Phänomen. Martin Seligman beschrieb mit der erlernten Hilflosigkeit, wie Menschen nach wiederholten Erfahrungen von Kontrollverlust allmählich den Glauben verlieren können, mit ihrem eigenen Handeln etwas bewirken zu können. Seine Forschung wirkt heute erstaunlich aktuell. Viele Menschen verfügen über enormes Wissen und grosse Fähigkeiten. Gleichzeitig erleben sie, wie schwierig es geworden ist, den eigenen Einfluss auf eine immer komplexere Welt einzuschätzen.
Wenn ich auf meine eigene berufliche Laufbahn zurückblicke, erkenne ich ein anderes Muster. Ich durfte zahlreiche Veränderungsprozesse begleiten und habe dabei immer wieder erlebt, wie viel Menschen leisten können, wenn Vertrauen entsteht. Herausforderungen verschwinden dadurch nicht. Sie verlieren jedoch einen Teil ihrer Schwere, sobald Menschen spüren, dass sie gemeinsam unterwegs sind und Verantwortung miteinander tragen.
Auch die Bindungsforschung kommt seit Jahren zu ähnlichen Erkenntnissen. Menschen entwickeln sich dort am besten, wo sie Vertrauen erleben, wo sie sich angenommen fühlen und ihr Beitrag Bedeutung hat.
Die Existenzanalyse beschreibt denselben Gedanken aus einer anderen Perspektive. Menschen möchten erleben, dass ihr Handeln Bedeutung hat. Sie möchten spüren, dass sie etwas bewirken können. Orientierung entwickelt sich deshalb meist im Miteinander. Sie wächst dort, wo Menschen einander zuhören und gemeinsam ihren Weg finden.
Je häufiger ich diese Zusammenhänge in Gesprächen und in Veränderungsprozessen beobachte, desto klarer wird mir, welche Aufgabe Führung heute hat. Sie besteht längst nicht mehr nur darin, Strategien zu entwickeln oder Entscheidungen zu treffen.
Führung schafft einen Rahmen, in dem Menschen Vertrauen entwickeln, Fragen stellen und gemeinsam Orientierung finden können. Dort entsteht Gemeinschaft. Und vielleicht ist genau diese Gemeinschaft die wichtigste Grundlage, um den Herausforderungen unserer Zeit mit Zuversicht zu begegnen.
Mit diesen Gedanken im Hinterkopf bin ich immer wieder auf die Arbeiten von Amy Edmondson gestossen. Sie prägte den Begriff der psychologischen Sicherheit und machte auf etwas aufmerksam, das in vielen Organisationen über Erfolg oder Stillstand entscheidet.
Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass Harmonie herrscht oder Konflikte vermieden werden. Sie beschreibt vielmehr ein Arbeitsumfeld, in dem Menschen offen sagen können, was sie beschäftigt. Fragen sind willkommen. Auch Unsicherheiten oder Fehler dürfen ausgesprochen werden, ohne dass dadurch das Ansehen einer Person infrage gestellt wird. Aus meiner Erfahrung verändert genau das die Zusammenarbeit. Menschen beginnen, sich einzubringen. Sie sprechen Herausforderungen früher an und entwickeln gemeinsam Lösungen. Schritt für Schritt entsteht eine Kultur, in der Lernen selbstverständlich wird.
Wenn ich Veränderungsprozesse begleite, beobachte ich immer wieder denselben Verlauf. Veränderungen beginnen selten mit einem Konzept oder einer Strategie. Meistens beginnen sie mit einem Gespräch. Mit einem Menschen, der ausspricht, was andere längst beschäftigt. Mit einer Frage, die bisher niemand zu stellen wagte. Oder mit der Bereitschaft, gemeinsam zuzugeben, dass der nächste Schritt noch nicht vollständig sichtbar ist. Gerade in solchen Momenten entsteht Vertrauen.
Entwicklung verläuft dabei selten geradlinig. Menschen brauchen Zeit, um neue Situationen einzuordnen. Mit jedem Gespräch wird das Bild etwas klarer. Zusammenhänge werden verständlicher und erste Perspektiven entstehen. Daraus wächst die Bereitschaft, neue Wege auszuprobieren. Jede Erfahrung erweitert den Blick und schafft die Grundlage für den nächsten Schritt.
Aus diesen Erfahrungen heraus entstand der VEPHL-Transformationszyklus. Er ist aus der praktischen Arbeit mit Menschen gewachsen. Sein Ziel ist nicht, Unsicherheit verschwinden zu lassen. Das wäre weder realistisch noch wünschenswert. Unsicherheit gehört zu jeder Entwicklung. Entscheidend ist, wie wir ihr begegnen.
| VEPHL-Phase | Wirkung auf den Menschen | Wirkung auf die Gemeinschaft |
| V – Verstehen | Unsicherheit wird benannt und eingeordnet. Menschen fühlen sich gehört. | Vertrauen entsteht. |
| E – Erkennen | Zusammenhänge und Muster werden sichtbar. | Gemeinsames Verständnis wächst. |
| P – Perspektiven schaffen | Hoffnung und neue Möglichkeiten entstehen. | Zukunft wird gemeinsam gestaltbar. |
| H – Handeln | Selbstwirksamkeit wächst durch konkrete Schritte. | Die Gemeinschaft erlebt, dass sie etwas bewegen kann |
| L – Lernen und Reflektieren | Erfahrungen werden bewusst verarbeitet. | Menschen gewinnen Sicherheit im Umgang mit neuen Herausforderungen. |
Für mich beginnt dieser Weg immer mit dem Verstehen. Menschen möchten nachvollziehen können, weshalb Veränderungen notwendig werden und welche Auswirkungen sie auf ihren Alltag haben. Sobald Zusammenhänge sichtbar werden, verändert sich häufig auch der Blick auf die Situation. Neue Möglichkeiten werden erkennbar. Aus ersten Schritten wächst Vertrauen in das eigene Handeln. Mit jeder Erfahrung entwickelt sich mehr Sicherheit. Lernen wird dadurch zu einem natürlichen Teil des gemeinsamen Weges.
Je häufiger ich diesen Prozess begleiten durfte, desto deutlicher wurde mir, wie eng er mit psychologischer Sicherheit verbunden ist. Menschen beteiligen sich, wenn sie erleben, dass ihre Meinung zählt. Sie übernehmen Verantwortung, wenn Vertrauen vorhanden ist. Eine Organisation entwickelt sich dort weiter, wo Menschen den Mut haben, ihre Gedanken auszusprechen und voneinander zu lernen.
Ich verstehe Führung heute deshalb anders als noch vor einigen Jahren. Führung bedeutet für mich immer weniger, den richtigen Weg bereits zu kennen. Viel wichtiger erscheint mir, einen Rahmen zu schaffen, in dem Orientierung wachsen kann. Dort entsteht Vertrauen. Menschen entwickeln Zuversicht und finden gemeinsam Antworten auf Fragen, die niemand allein lösen kann.
| VEPHL-Phase | Leitfrage der Führung | Was Mitarbeitende erleben | Wirkung |
| V – Verstehen | Was beschäftigt unsere Mitarbeitenden wirklich? | Zuhören, Verständnis und Sicherheit. | Vertrauen wächst. |
| E – Erkennen | Welche Zusammenhänge erkennen wir gemeinsam? | Transparenz und gemeinsames Verständnis. | Orientierung entsteht. |
| P – Perspektiven schaffen | Welche Möglichkeiten eröffnen sich? | Beteiligung und Hoffnung. | Motivation wächst. |
| H – Handeln | Welchen Schritt gehen wir gemeinsam? | Verantwortung und Selbstwirksamkeit. | Zuversicht entsteht. |
| L – Lernen und Reflektieren | Was lernen wir daraus? | Offene Reflexion und kontinuierliche Entwicklung. | Gemeinschaft und Resilienz werden gestärkt. |
Wenn ich heute auf meine eigene Entwicklung als Führungskraft zurückblicke, erkenne ich, wie sehr sich mein Verständnis verändert hat. Früher stand für mich häufig die Qualität einer Entscheidung im Mittelpunkt. Heute beschäftigt mich stärker die Frage, wie Entscheidungen entstehen. Ich habe erlebt, dass tragfähige Lösungen selten am Schreibtisch entstehen. Sie entwickeln sich im Austausch mit Menschen. Dort, wo unterschiedliche Erfahrungen aufeinandertreffen und Vertrauen den Raum schafft, auch Unfertiges auszusprechen.
Die Herausforderungen unserer Zeit werden uns weiterhin begleiten. Manche Entwicklungen lassen sich beeinflussen, viele jedoch nicht. Umso wichtiger erscheint mir der Umgang mit dieser Realität. Führung kann Unsicherheit nicht beseitigen. Sie kann Menschen jedoch dabei unterstützen, ihren Platz in einer komplexen Welt wiederzufinden.
Vielleicht beginnt Orientierung genau in diesem Moment. Wenn Menschen erleben, dass sie mit ihren Fragen nicht allein sind. Wenn aus einem Gespräch neue Zuversicht entsteht. Wenn Verantwortung nicht auf den Schultern Einzelner liegt, sondern gemeinsam getragen wird.
Ich wünsche mir eine Form von Führung, die Menschen stärkt, bevor sie Ergebnisse einfordert. Eine Führung, die zuhört, bevor sie bewertet. Und eine Führung, die Gemeinschaft nicht als Nebenprodukt versteht, sondern als Grundlage für Entwicklung.
Orientierung entsteht für mich nicht durch perfekte Antworten. Sie wächst in Beziehungen. Sie entwickelt sich dort, wo Vertrauen gelebt wird und Menschen bereit sind, den nächsten Schritt gemeinsam zu gehen.

